Sommerau­s­tel­­lung Bernd Göbel zum 60.Geburts­­tag

Sa, 22. Juni 2002 um 17:00 Uhr
23.Juni - 8.September 2002
Dienstag-Sonntag 11-17.00 Uhr

Museum Schloss Mosigkau

Als die Welt noch eine Scheibe war, medail­len­platt und von Stachel­draht umzäunt, träumte sich der Künst­ler die alten Götter so: Die weise Eule Minerva im Käfig, der Meeres­herr Neptun mit Nasen­klam­mer gegen den Gestank. Der Krie­ger Mars hielt eine Taube – und die schöne Venus den Schild. Inmit­ten des sagen­haf­ten Zentral­ko­mi­tees aber stand der greise Polit­bü­ro­krat Jupi­ter mit dem Einflüs­te­rer Pluto im Rücken . . . Als der halle­sche Burg-Profes­sor Bernd Göbel 1986 diese Olym­pier auf einem hölzer­nen Regen­bo­gen versam­melte, war er in bester Gesell­schaft: Die Suche nach anti­ken Meta­phern für die realen Verhält­nisse in der DDR war – von Christa Wolf bis Wolf­gang Matt­heuer – eine bewährte Methode der krea­ti­ven Kritik. Wie bald sich frei­lich mit den Angriffs­flä­chen auch die Bezugs­punkte auflö­sen soll­ten, zeigt nun die 39. Sommeraus­stel­lung im Schloss Mosig­kau, mit der Kultur­stif­tung Dessau-Wörlitz und Anhal­ti­scher Kunst­ver­ein vorab den 60. Geburts­tag des Bild­hau­ers Göbel im Okto­ber würdi­gen. Denn selbst wenn sich am Ende einer Reihe von Ikarus-Studien unver­se­hens eine „Den Opfern der Staats­si­cher­heit“ gewid­mete Figur findet, deren Formung auf die Varia­tio­nen über den grie­chi­schen Sonnen­su­cher verweist, wirken solche konkre­ten Bezüge heute eher aufge­setzt. Gerade im Sohn des Däda­lus, dessen Hitze­tod für einen Metall-Bild­hauer von beson­de­rer Symbol­kraft ist, scheint Göbel inzwi­schen stär­ker ästhe­ti­sche Probleme zu verhan­deln. Die zuneh­mende Auflö­sung der mensch­li­chen Gestalt im Kontrast mit kanti­ger Geome­trie erscheint nun als Einspruch zum Diktat der Abstrak­tion. Hier behaup­tet der Lehrer, der in der halle­schen Tradi­tion von Gustav Weidanz und Gerhard Lich­ten­feld steht, sein Menschen­bild noch in der Diagnose des Verlus­tes. Dieses realis­ti­sche Konzept, dass Göbel auch in der Schwer­kraft der Akte und in den markan­ten Zügen der Porträt-Büsten behaup­tet, mag heuti­gen Schü­lern als Attrak­tion oder Absto­ßung dienen – hand­werk­li­ches Vorbild ist es alle­mal. Das zeigt sich – mit deut­li­chem Lokal­be­zug – etwa an Studien zum Dessauer Brecht-Denk­mal, das nach der Wende um eine Weill-Skulp­tur ergänzt wurde. Während sich der Dich­ter im Wissen um die eigene Anfäl­lig­keit zu möglichst stabi­lem Volu­men ballt, genießt der Kompo­nist seine Zerbrech­lich­keit mit dem Rücken über dem Abgrund. Dem unglei­chen Paar begeg­net der Besu­cher in neuen Zusam­men­hän­gen auch in der Medail­len-Abtei­lung der Oran­ge­rie. Hier finden sich Kurt Weill und Lotte Lenya in einer Konfron­ta­tion neben „Sit­ting Bull und Gene­ral Custer“ oder „Gali­lei und Johan­nes Paul II.“. Dass darin neben Otto I. oder Mahatma Gandhi auch der Schach-Welt­meis­ter Kasparow oder das Klon-Schaf Dolly Platz finden, zeigt die Lust des Gestal­ters am Para­do­xen: Wer Medail­len zum Tages­ge­sche­hen prägt, kalku­liert auch zwischen der Hoff­nung des 9. XI. 1989 und dem „Pro­krus­tes­bett“ der Wieder­ver­ei­ni­gung trotz des lang­le­bi­gen Mate­ri­als eine kurze Verfalls­zeit ein. Warum er indes ausge­rech­net Wolf Bier­mann 1976 aus Poly­es­ter formte und diese „Köl­ner Konzert“ genannte Büste mit einer weit­ge­hend maskie­ren­den Farb­schicht über­zog, bleibt ein ambi­va­len­tes Rätsel – wie auch mancher der Holz­schnitte, die im Mezza­nin des Schlos­ses Göbels rare Fayencen umrah­men. Hier erwar­tet den Betrach­ter – am Ende eines Rund­gan­ges durch drei­ein­halb Jahr­zehnte – zudem die persön­lichste und über­ra­schende Samm­lung der „Geräte“. Diese Leuch­ter und Kelche, meist als Geschenk für die Ehefrau des Künst­lers entstan­den, verbin­den nicht nur so dispa­rate Mate­ria­lien wie Strau­ßenei und Marmor mit Bronze, Halbe­del­stei­nen und Silber. Sie schöp­fen ihre spie­le­ri­sche Schön­heit auch und gerade aus der augen­zwin­kern­den Verlet­zung des eige­nen Kanons, wenn etwa die „Was­se­rung des troja­ni­schen Fisches“ voll­zo­gen wird. Mosig­kau bis zum 1. Septem­ber, Kata­log 12,50 Euro VON ANDREAS HILLGER. DESSAU/MZ.