BUCHKUNST

Fr, 22. März 2002 um 17:00 Uhr
23.März - 19.Mai 2002
Dienstag-Sonntag 11-17.00 Uhr

in der Orangerie der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau
Puschkinallee 100, Dessau
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Bilder­bü­cher für Erwach­sene zeigen der Anhal­ti­sche Kunst­ver­ein und die Anhal­ti­sche Landes­bü­che­rei in der Auss­tel­lung „Buch­kunst“ in der Oran­ge­rie der Anhal­ti­schen Gemäl­de­ga­le­rie. Die Tradi­tion des Bücher­sam­melns jenseits der Klös­ter geht in Anhalt bis in die Refor­ma­ti­ons­zeit zurück. Den Grund­stock der Samm­lung bildete die Biblio­thek des gelehr­ten Fürs­ten Georg III. (1507–1553). Seit 1992 sammelt die Anhal­ti­sche Landes­bü­che­rei auch Buch­kunst von vornehm­lich sach­sen-anhal­ti­schen Künst­lern. In Büchern muss man ja nicht immer lesen. Jenseits des herkömm­li­chen Gebrauchs kommt so einem gebun­de­nen Stück Geist auch ein unbe­streit­ba­rer Deko­ra­ti­ons­wert zu. Aber manch ein Exem­plar verwei­gert sich der verstau­ben­den Nutzung als Bildungs­de­sign und bean­sprucht den Rang eines eigen­stän­di­gen Kunst­wer­kes. Dann kann man meist nicht mehr bekann­ten Lettern folgen, sondern muss sich ande­rer Lesar­ten außer­halb der gelern­ten Begriff­lich­keit bedie­nen. Zu biblio­phi­len Exem­pla­ren der Vergan­gen­heit gesel­len sich also Kunst­bü­cher der Gegen­wart. Das sind manch­mal provo­zie­rende, manch­mal medi­tie­rende oder witzig verspielte Objekte, die Texte, Zeich­nun­gen, Radie­run­gen und Colla­gen jenseits genorm­ter Seiten­grö­ßen verei­nen oder ganz zu Skulp­tu­ren werden. 1994 musste die Samm­lungs­tä­tig­keit einge­stellt werden, weil die benö­tig­ten Mittel fehl­ten. Seit 1997 flie­ßen sie wieder. „Das Land fördert die Entste­hung der Kunst­bü­cher und ist daran inter­es­siert, sie an einer öffent­lich zugäng­li­chen Stelle zu sammeln“, sagt Martine Kreiß­ler von der Landes­bü­che­rei. So kann der Inter­es­sent, wenn die Kunst­bü­cher nach Ende der Auss­tel­lung am 19. Mai wieder im heimi­schen Maga­zin Quar­tier bezo­gen haben, im Lese­saal der Landes­bü­che­rei das tun, was in einer Vitri­nen­aus­stel­lung nicht möglich ist – in ihnen blät­tern. Immer geht das aller­dings auch dann nicht. Das „Buch ohne Worte“ von Johanna Bartl hat zwar einen Riegel, aber der ist seiner Funk­tion entho­ben. Die Aura eines betag­ten Buches vermag eben auch ein Holz­klotz zu versprü­hen. Die von der Künst­le­rin illus­trier­ten „Auf­zeich­nun­gen des Malte Laurids Brigge“ blei­ben ebenso geschlos­sen, aber ihre Schrift­rol­len in klei­nen Glas­zy­lin­dern wirken auch unge­öff­net. Ein Krite­rium der Samm­lung sei, so Kreiß­ler, Objekte von Künst­lern zu sammeln, „von denen schon Bücher im Bestand sind, um deren Entwick­lung darstel­len zu können“. So finden sich in der Schau viele Arbei­ten des Bern­bur­ger Künst­lers Ulrich Tarlatt, die er in der „edi­tion augen­weide“ heraus­gab. In deren leicht­fü­ßi­ger Hinter­sin­nig­keit würde man gern blät­tern, aber die Auss­tel­lung ist eben nur ein großer Kata­log. Einen Kata­log zur Auss­tel­lung gibt es auch. Da steht – das Thema gibt es vor – „buch­kunst“ drauf. Rainer Sauer­zapfe wollte sich wohl mittels biede­rer Falt- und Stanz­kunst neben dem gequäl­ten Kontrast von gräu­li­cher Pappe und weißem Papier unter die Buch­künst­ler reihen. Hier kann man nun wieder hinein­schauen, während die Alma­nache von Ralf Lange mit dem reiz­vol­len Namen „dada“ in Vitri­nen liegen. Ein „Baede­cker“ von Burg­hard Aust ist aufge­klappt: „Die Haupt­stadt von Amerika ißt Wurst­schink­ton“, wird da doziert, während ein bekann­tes Entlein in den Kreis des Miche­lan­gelo gesetzt ist. Wenig entfernt posiert jeden­falls ein Phil­an­throp aus grauer Vorzeit. Einige Blät­ter zu Phro­me­theus aus einer Mappe, die der Kultur­bund der DDR 1982 zum 150. Geburts­tag von Johann Wolf­gang von Goethe anfer­ti­gen ließ, hat der Kunst­ver­ein gerahmt. Die Landes­bü­che­rei sammelt – Arbei­ten von Harald Naegli oder Daniel Ben-Hur zeugen davon – auch Bücher von Künst­lern, die in Dessau ausstell­ten. Zudem wird natür­lich mit der Hundert­jahr­aus­gabe von Goethes „Faust“ oder einem Buch von Luther „über die Epis­tel der Apos­teln“ von 1539 ein Bogen in die Vergan­gen­heit gespannt. Ein leich­ter Druck im Stirn­hirn, wie er von zu langen Blät­tern in Biblio­theks­ka­ta­lo­gen erzeugt wird, gehört zu den Neben­wir­kun­gen der umfang­rei­chen Auss­tel­lung. Aber dann bekommt man auch Lust zum Schnüf­feln. Wenn man etwa ein Glas öffnet, welches ein Buch enthält, das „Den Flie­gen“ gewid­met ist, schwirrt einem kein Getier entge­gen. Olaf Wege­witz hat Blät­ter gesam­melt, die mit Fraß­gän­gen von Insek­ten­lar­ven geziert sind. Auch Flie­gen können schrei­ben. Der Zeit entspre­chend schnell zu lesen, sind die gesam­mel­ten Werke von Gerhild Ebel. Löcher markie­ren die Zeilen – eine wahre Alter­na­tive für mach schnell gedruck­tes Buch. von THOMAS ALTMANN.DESSAU/MZ.